Winfried Mall

Diplom-Heilpädagoge (FH)

Interview zu meiner Person :

Im November 2012 erhielt ich die Anfrage von Frau Lilian Juen, einer angehenden Sonderkindergärtnerin und Frühförderin aus Tirol, ob sie mit mir für ihre Diplomarbeit zum Thema "Man kann nicht nicht kommunizieren - Wege der Kommunikation mit Menschen mit basalen Bedürfnissen" ein Interview führen dürfe. Im Dezember 2012 schickte sie mir ihre Fragen (in rot kursiv), hier sind meine Antworten:

Bitte erzählen Sie etwas zu Ihrer Person!

Geboren bin ich 1952 als viertes von sieben Geschwisterkindern, in eine Familie, die stark vom katholischen Glauben geprägt war. Geboren in Freiburg/Br., bin ich auf der Schwäbischen Alb, in Niedersachen und im Umland von Hamburg aufgewachsen. Bis ich 17 Jahre alt war, wollte ich Priester werden; als ich dann endlich "die Frauen" entdeckte, gab ich diesen Plan auf. Nach dem Abitur begann ich das Studium der Philosophie, Soziologie und Politologie, das ich nach der Hälfte abbrach, als ich zur Heilpädagogik fand.

Nach Abschluss des Studiums der Heilpädagogik 1978 war ich bis 1984 im St. Josefshaus Herten, einer Komplexeinrichtung für geistig behinderte Menschen in Rheinfelden/Baden, im Psychologischen Dienst tätig, einem Fachdienst für Beratung, Weiterbildung und Therapie. Danach arbeitete ich bis 1988 in der Diakonie Stetten, einer anderen Komplexeinrichtung bei Stuttgart, in der Heilpädagogischen Förderung.

Nach einem Umzug nach Südbaden war ich 15 Jahre als Sozialpädagoge im Sozialpsychiatrischen Dienst des Landkreises Emmendingen tätig, der chronisch psychisch kranke Menschen ambulant begleitete, zunächst mit 100%, später – als die freiberufliche Weiterbildungsarbeit immer mehr zunahm – nur noch mit 50%. 2003-2006 war ich überwiegend freiberuflich tätig und hatte eine 30%-Stelle in der Tagesförderstätte Ludwigshafen.

Ab 2006, nach Übersiedlung nach St. Gallen in der Schweiz, war ich bis 2011 Teamleiter der Seniorengruppe im Johanneum, einer größeren Einrichtung für geistig behinderte Menschen in Neu St. Johann im Kanton St. Gallen. Seither bin ich ausschließlich freiberuflich tätig mit Weiterbildung und Beratung.

Ich bin zum 2. Mal verheiratet, habe aus erster Ehe zwei erwachsene Kinder.

Welchen Grundberuf haben Sie?

Ich bin Diplom-Heilpädagoge (FH). Meinen Abschluss habe ich 1978 an der Kath. Fachhochschule für Sozialwesen in Freiburg/Br. gemacht.

Wieso haben Sie sich für die Arbeit mit behinderten Menschen entschieden?

1972 half ich ein paar Mal am Wochenende in einem kleinen Internat für schwerstbehinderte Kinder in Schleswig-Holstein aus. Dort traf ich zum ersten Mal auf Menschen mit basalen Bedürfnissen, wie ich sie heute gerne nenne. Ich war fasziniert von der Idee, dass es doch Wege geben müsse, auch mit diesen – auf mich sehr befremdlich wirkenden – Menschen in einen Austausch zu treten. Das weckte ich mir das Interesse, beruflich mit solchen Menschen zu arbeiten. Ich nahm daraufhin an der Universität ein Urlaubssemester und arbeitete als Helfer in einem Heim der Hamburger Lebenshilfe. Dort merkte ich, dass mir dieses Arbeitsfeld sehr lag, und beschloss, von der Philosophie zur Heilpädagogik zu wechseln.

Wie lange arbeiten Sie schon im Behindertenbereich?

Seit 1973, mit Ausbildung seit 1978.

Wie würden Sie Menschen mit überwiegend basalen Bedürfnissen definieren?

Menschen, deren Leben überwiegend von den "sensomotorischen Lebensweisen" geprägt ist, die ich mit "Einheit-Sicherheit-Vertrauen", "Überleben-Vitalfunktionen" und "Sich im Körper / in Bewegung erleben" beschreibe. Diese Themen stehen in der nicht-behinderten Entwicklung im ersten Lebenshalbjahr im Vordergrund, begleiten uns alle aber bis zum Tod. Näheres dazu auf meiner Website unter www.sensomotorische-lebensweisen.de.

Das Angewiesen-Sein auf diese Themen kann sehr umfassend sein, kann aber auch mehr die körperlichen Aspekte betreffen (z. B. bei Menschen mit schwerster Körperbehinderung) oder mehr die seelischen / psychischen Aspekte (z. B. bei Menschen mit stark ausgeprägten Eigenarten aus dem Autismus-Spektrum oder bei schwer hospitalisierten Menschen).

Was ist für Sie Kommunikation?

Wechselseitigkeit – sich gegenseitig beeinflussen – Wechselspiel zwischen Anpassung und Einflussnahme

Kann wirklich jeder Mensch kommunizieren?

Im genannten Sinn ja, da jeder Mensch, der in meinen Wahrnehmungsbereich eintritt, auf mich einen Einfluss ausübt. – Ich kann nur dann nicht kommunizieren, wenn niemand da ist, der sich meinem Einfluss aussetzt, bzw. der versucht, mich zu "verstehen" – der das, was von mir kommt, als Ausdruck wahrnimmt und auf sich wirken lässt. Es geht hier erst einmal nicht um Kommunikations-Inhalte (im Sinn von "Botschaft"), sondern um Wechselseitigkeit an sich.

Ist die Methode der "Basalen Kommunikation" mit jedem Menschen anwendbar?

Grundsätzlich ja, soweit sich beide Beteiligten darauf einlassen können. Für "nicht-behinderte" Menschen als "passive" Partner ist es manchmal schwierig, das bewusste Mitvollziehen dessen, was da passiert, in den Hintergrund treten zu lassen und einfach nur zu spüren, was ist. Insofern haben es Menschen mit basalen Bedürfnissen oft leichter, sich über Basale Kommunikation ansprechen zu lassen. Von ihrer Seite her kann eher eine vorliegende tiefgreifende Ambivalenz gegenüber fremdbestimmter Nähe und Kontakt ("Beeinflusst-Werden") hinderlich sein.

Wer kann diese Methode anwenden?

Jede und jeder, die sich darauf einlassen mag, und die – als der "aktive" Partner – in der Lage ist, sich gleichzeitig intuitiv und reflektiert ("achtsam"), sensibel für den andern und für sich selbst in die Begegnung zu begeben, offen für das, was passiert.

Welche Erfolge haben Sie schon mit „Basaler Kommunikation“ erreicht?

Ein völlig ausreichender "Erfolg" ist das Erleben von stimmiger Begegnung, von Austausch und Zusammen-Sein im Moment der Begegnung. Über solche Erlebnisse konnte ich mich schon oft freuen. – Einige wenige Male konnte ich erleben, dass sich über Jahre bei meinem Gegenüber neue Entwicklungsdynamik zeigte: Mehr Interesse an der Umwelt, mehr Einstehen für die eigene Wirksamkeit ("Trotz"), mehr Interesse an autonomer Fortbewegung, usw. Auch schon eine größere Toleranz für fremdbestimmte Situationen – manchmal in Kleinigkeiten sichtbar – erlebte ich als Erfolg.

Was war Ihr schönstes Erlebnis in Ihrer Arbeit?

Das kann ich so nicht sagen. Sehr schöne Erlebnisse waren: Die gerade beschriebenen Entwicklungen mitzuerleben – von einer Teilnehmerin an einem Kurs 2 Jahre später zu hören, wie viel sich bei ihr in der Folge im Umgang mit ihren KlientInnen bewegt hat – von einer anderen zu hören, dass sie mit Basaler Kommunikation ihre demente Mutter begleiten konnte – in der Beratung zu hören, dass jemand sein "herausforderndes Verhalten" aufgeben konnte, weil er sich besser verstanden erlebte – das Lächeln von Herrn T., dem Mann im Wachkoma, den ich 1 Woche begleiten durfte, bei unserer vorletzten Begegnung – dass Frau W. in ihrer hochgradigen Demenz auf dem Sofa neben mir für 1 Minute zur Ruhe kommen konnte – …

Was war Ihr größter Rückschlag?

Auch das ist schwierig zu benennen. In meiner beruflichen Laufbahn war es sicher das Mobbing meines ersten Einrichtungsleiters, der auch nach meinem Ausscheiden alles daran setzte, mir die Übernahme einer verantwortungsvolleren Position andernorts zu verunmöglichen. – In der direkten Arbeit mit Menschen mit basalen Bedürfnissen gab es immer wieder die Situation, dass ich mit meiner "Weisheit" am Ende war, doch war dies nicht selten der Anstoß für neue Erkenntnisse und die Entwicklung neuer Ansätze. Es gab auch viele Abschiede, schon allein durch meine Stellenwechsel, und oft das Gefühl der Trauer und der Dankbarkeit, dass ich selbst von unserer Zusammenarbeit im Grunde mehr profitiert habe (im Sinn von Lernzuwachs) als meine Gegenüber, die ich zurückließ.

Wogegen kämpfen Sie an? Für was stehen Sie ein?

Ich erlebe mich nicht als „Kämpfer“. Ich versuche einzutreten für das uneingeschränkte Lebensrecht aller Menschen, die von einer Menschenfrau geboren wurden. Und ich möchte die Augen öffnen für die Bedeutung und den Wert von Menschen auch mit schwersten Einschränkungen für unsere Gesellschaft und ihr Zusammenleben.

Wie reagieren Angehörige darauf, wenn Sie von Erfolgen mit Ihrer Methode berichten?

Ich hatte aufgrund meiner Arbeitssituation meist eher weniger Kontakt mit Angehörigen. – Sicher möchte ich aber nicht von "Erfolgen" berichten im Sinn von: "Schauen Sie mal, was ich bewerkstelligt habe!" (Meist gibt es ja auch keine so riesigen "Erfolge" vorzuweisen.) Ich möchte ihnen zeigen, wie ich mit ihrem Angehörigen umgehe und warum, und sie zu einem Dialog darüber einladen. Dabei versuche ich, die Angehörigen meinen Respekt für ihre Leistung spüren zu lassen und zugleich sensibel zu sein für all die Ambivalenz, die oft die Beziehung zu dem Angehörigen prägt.

Einer – sehr engagierten – Mutter zeigte ich mal eine Fotoserie mit ihrem Sohn und mir. Sie meinte anschließend, sie fände das toll, was ich da tue, aber sie könne das nicht. Das habe ich zu respektieren.

Haben Sie das Gefühl, dass sich in der Gesellschaft etwas in Bezug auf Menschen mit Behinderung verändert hat? Wie war es früher, wie ist es heute?

Es ändert sich immer etwas, und doch bleibt vieles gleich… – Ich denke, nach der Nazi-Zeit gab es viel schlechtes Gewissen und deshalb war man Menschen mit Behinderung gegenüber recht großzügig (wobei das noch einige Jahre und einiges an politischem Druck brauchte, und vor allem erst, als der zunehmende Wohlstand das auch eher erlaubte). Inzwischen ist das schlechte Gewissen abgeklungen, und schon tauchen in neuem Gewand die alten Ansichten auf: "Lebensunwertes Leben", "unnütze Esser", usw. Vor allem wenn das Geld knapp wird, schleichen sich solche Euthanasie-Impulse wieder ein, aktuell z. B. in der Diskussion um vorgeburtliche Diagnostik und um Spätabtreibungen behinderter Kinder.

Menschen mit Behinderung (aber auch alte oder chronisch kranke Menschen) kritisieren allein durch ihre Existenz einige der Grundüberzeugungen unserer Gesellschaft: Auf Leistung kommt es an – wer viel leistet, ist viel wert – Geld regiert die Welt – Leiden darf es nicht geben – Schwäche ist schlecht, Stärke ist gut – attraktiv ist, wer jung, schön, intelligent und reich ist – jeder ist seines Glückes Schmied – usw. Damit man diese Überzeugungen nicht in Frage stellen muss, laufen diese Menschen immer Gefahr, abgeschoben zu werden ("aus den Augen – aus dem Sinn.").

Ich bin überzeugt, dass das Projekt „Lebensrecht für alle Menschen“ nie zu Ende ist, sondern ständig unser Engagement erfordern wird.

Was sagen Sie zur UN- Konvention?

Sie ist sicher ein Fortschritt. Aber erst mal sind das nur "schöne Worte" – sie muss gelebt werden. Allein durch die Existenz der Konvention verschwinden die gerade genannten Probleme nicht aus der Welt. Und es lässt sich ja auch gut beobachten (z. B. am Thema Inklusion), wie sich unter den gegebenen Verhältnissen die noblen Ziele effektiv unterlaufen oder gar in ihr Gegenteil verkehren lassen.

Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, damit alle Menschen gleichberechtigt sein können, oder finden Sie, dass schon eine Gleichberechtigung stattfindet?

Das Himmelreich auf Erden… – Ich glaube nicht recht an einen Fortschritt in diesem Sinn. Wie gesagt, ich denke, es ist ein unendliches Projekt. Und es liegt an uns, wie es weitergeht.

Warum, glauben Sie, haben Menschen oft Hemmungen und Ängste, wenn sie behinderten Menschen begegnen?

Einmal, weil viele Menschen zu selten solchen Personen unmittelbar begegnen – sie sind so effektiv ausgesondert, dass man sie kaum sieht (so ging es mir auch, bis ich 20 war). Aber auch, weil Behinderung an sich uns stets an unsere eigene Ohnmacht / Unvollkommenheit / Verletzlichkeit / Sterblichkeit erinnert, und wenn jemand diese Aspekte des Lebens verdrängen muss, machen ihm Menschen mit Behinderung Angst.

Wie sollte man Menschen mit Behinderung Ihrer Meinung nach benennen, wenn man über sie spricht oder schreibt?

Am besten mit ihrem Namen, d. h. als Individuen. – Ich versuche, mit dem Konzept der Sensomotorischen Lebensweisen einen Hintergrund vorzustellen, vor dem sich konkret benennen lässt, welche Themen einen konkreten Menschen in seinem Leben beschäftigen. Dann lässt sich sagen: "Herr A. hat noch viel mit dem Thema 'Vitalfunktionen' zu tun, und großes Interesse hat er am 'Erleben des eigenen Körpers'." Oder: "Für Frau F. ist das 'Erleben der eigenen Wirksamkeit' ganz wichtig, aber sie hat kein erkennbares Interesse daran, 'sich einzubringen und teilzuhaben'." Oder so ähnlich.

Sonst habe ich keine Hemmungen, von Menschen mit Behinderung zu sprechen. Ich kenne einige körperbehinderte Menschen, die sich selbst ausdrücklich als "Behinderte" bezeichnen, nämlich als Menschen, die nicht nur behindert sind, sondern ganz wesentlich behindert werden. Wichtiger ist mir, in meiner Rede spüren zu lassen, dass ich diese Menschen als gleichberechtigt ansehe und mich nicht über sie stellen will. Gern variiere ich die Bezeichnung immer wieder, damit sie nicht stereotyp wird. Mir ist die Bezeichnung weniger wichtig als die Haltung, die dahinter zu spüren ist.

Haben Sie schon herausgefunden, wie Menschen mit Behinderung selbst genannt werden möchten?

Ich hatte bisher eher weniger mit Leuten zu tun, die sich darüber ausdrücklich äußern konnten (Ausnahme: siehe oben). – Konkret würde ich gern über jemand so reden, dass er sich damit angesprochen und angenommen erlebt, ohne dass etwas beschönigt oder weggeredet werden muss, was zu diesem Menschen gehört. Und wenn jemand das Wort "Behinderung" nicht gern hört, kann ich es gut weglassen. (Ich kann aber nicht die Einschränkungen ignorieren, die sein Leben kennzeichnen.) – Was ich gar nicht mag, sind Euphemismen, beschönigende Umschreibungen, die die real existierenden Beeinträchtigungen und Probleme übertünchen, wie z. B. "anders-fähige Menschen", "Menschen mit Schwerpunkt kognitive Entwicklung", "verhaltenskreative Menschen".


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